„[…] Für das Schauspiel Karlsruhe hat Regisseur Donald Berkenhoff, Experte in Sachen düsterer Familiengeschichten, das preisgekrönte Stück mit großer Sensibilität packend inszeniert. Drei Stunden zieht diese Aufführung in Bann, am Ende kämpft man mit den Tränen, als sich Violet die Einsamkeit von der Seele schreit. Berkenhoff hat die 13 mitwirkenden Schauspieler zu Höchstleistungen getrieben, alle verkörpern ihre Rollen bis in die kleinste Bewegung hinein mit größter Intensität. […] Beverly (kurzer starker Auftritt: Hannes Fischer) stellt eine Indianerin ein (in stummer Zurückhaltung: Teresa Trauth). Diese kümmert sich um ihn und seine tablettensüchtige Ehefrau Violet (Elke Petri hat großartige Momente des rauschhaften Exzesses, des vernebelt gekrümmten Jammers und der unerbittlichen Härte). Kurz darauf verschwindet Beverly spurlos. Nach und nach kommen seine drei Töchter an, um den Vater zu suchen, beziehungsweise der Mutter zu helfen. Barbara, die älteste Tochter (Ursula Grossenbacher wächst in dieser Rolle über sich hinaus) muss nun sagen, wo es lang geht, obwohl ihr Mann Bill sie gerade wegen einer Studentin verlässt (Jochen Neupert, der sich bei den Proben einen Rückenwirbel brach, spielt trotzdem enorm ausdrucksstark). Die zweite Tochter Ivy (Anna-Magdalena Beetz) hat die Nase voll von den Belehrungen ihrer Mutter. Auch Karen (Ursula Reiter), die Dritte, sucht vergeblich nach etwas Glück, während ihr Verlobter (Christian Schulz) heimlich ihre Nichte (Barbara Behrendt) angrabscht. Violets Schwester (Kathrin Becker) reist ebenfalls an, ihren Mann Charlie ermahnend, dass ihm ja nie einfallen solle, auch mal abzuhauen. Der sieht’s gelassen und mampft das leckere Essen der Indianerin. So beiläufig kann nur Stefan Viering das gegenseitige Häuten auflockern. […] Großes Theater, flackernde, fieberhafte Stimmung, wunderbar inszeniert und beeindruckend gespielt. Tosender Applaus für alle Beteiligten.“
Badisches Tagblatt, 25.01.2011
„[…] Berkenhoffs Einstudierung gibt dem Spiel im offenen Raum aus versetzten Ebenen (Austattung Peter Schubert) souverän nuancierte Konturen und famose Dynamik in wirkmächtig gestuften Stimmungen, setzt furiose Dramatik gegen lyrische, aber auch komödiantische Momente und bringt das Ensemble zu einer hinreißenden Gesamtleistung. […] So konzentriert, so schlüssig, so überzeugend im großen Konzert der Charaktere wie in den sorgfältigen Details der Figurenzeichnung ist in Karlsruhe lange nicht agiert worden. Im Mittelpunkt steht (als Gast aus Berlin) die fulminant aufspielende Elke Petri als Violet, die im Wechsel von hysterischem Delirium und vibrierender Kälte, aggressiver Gemeinheit und anrührender Verzweiflung die üppige Palette ihrer Möglichkeiten extrem ausreizt und allen gelegentlichen Übertreibungen zum Trotz ein beklemmendes Porträt dieser kranken Furie zwischen Biest und Opfer abliefert. Ihr zur Seite verkörpert die herausragende Ursula Grossenbacher die zerrissene Tochter Barbara mit packender Intensität. Auch das übrige, hervorragend eingestimmte Ensemble zeigt keinerlei Schwächen und macht den Abend zu einem nachhaltigen Musterstück großartigen, klug austarierten und sehenswerten Schauspielertheaters, wie es hierzulande nicht eben häufig gelingt.“
Die Rheinpfalz, 25.01.2011
„Dieses Zuhause ist zerschellt. Das ist schon vor dem ersten Wort klar. Auf der Schauspielbühne des Badischen Staatstheaters ragen Podeste ineinander verkeilt in alle Richtungen – wie Autos nach einer Massenkarambolage oder Erdplatten nach einer tektonischen Verschiebung. Ganz hinten und am höchsten steht auf einer abschüssigen Schräge der wuchtige Schreibtisch von Beverly Wenston, Literaturprofessor und Vollzeit-Alkoholiker. Ringsum breiten sich Küche, Ess- und Wohnzimmer und Schlafräume aus und erinnern an Eisschollen kurz vor dem Auseinanderdriften – wie auch ‚Eine Familie’ am Ende des so betitelten Stücks des US-Autors Tracy Letts unwiderruflich auseinanderdriften wird. Bühnenbildner Peter Schubert fasst so das Stück schon zusammen, bevor die Inszenierung von Donald Berkenhoff (seine letzte nach neun Jahren am Staatstheater) richtig loslegt. […] Lett’s 2008 mit dem Pulitzer-Preis gekröntes Stück führt nicht nur die Tradition der US-Familiendramen à la ‚Eines langen Tages Reise in die Nacht’ in die Post-Patriarchats-Ära, in der sich die einst erdrückenden Väter vom Acker gemacht haben. Es widerlegt auch das Dürrenmatt-Bonmot, man könne in der modernen Gesellschaft keine Tragödien mehr schreiben. Unter der sarkastischen Oberfläche der Pointen geht es um Schuld, und die wurzelt jeweils im Wesen der Betroffenen. Und das ist bestes Schauspielerfutter, wie die gut besetzte Aufführung unterstreicht. Im Zentrum steht natürlich Violet, deren schonungslosen Furor die einstige Berliner Schaubühnen-Kraft Elke Petri als stets unberechenbaren Drahtseilakt zeigt, als gefährliche Mischung aus klarsichtiger Analyse und verwahrloster Hemmungslosigkeit. Für das Gleichgewicht der Kräfte sorgt Ursula Grossenbacher als Barbara, die nicht nur Violet vehement kontra gibt, sondern auch ihrem untreuen Mann Bill (Jochen Neupert) und ihrer aufsässigen Tochter Jean (Barbara Behrendt). Wie sie, die zunächst Starke, bei der Pflege der Mutter noch mehr verwahrlost als Violet selbst und erst im Schock über das wahre Ende des Vaters die Kraft zum Ausbruch findet, das ist ein großer darstellerischer Bogen, den Grossenbacher eindrucksvoll meistert. Ursula Reiter trifft als mittlere Tochter Karen den Tonfall sorgloser Selbstgefälligkeit, die unbekümmert auf den Hallodri Steve (mit schmieriger Coolness: Christian Schulz) reinfällt. Kathrin Becker bringt als Violets Schwester Mattie ein weiteres Muttermonster ins Spiel: Mattie begegnet ihrem tapsigen Sohn Little Charles (unaufdringlich sympathisch: Timo Tank) mit einer Bösartigkeit, die selbst ihren dickfelligen Mann Charlie (Stefan Viering als gutmütiger Gegenpol zum Rundum-Gestichel) beunruhigt. Denn Mattie plagt ein Geheimnis, das zum Sprengsatz unter der Liebe zwischen Charles und der introvertierten Ivy (mit dem Charme unterdrückter Schönheit: Anna-Magdalena Beetz) wird. Eigentlich also alles richtig schön deprimierend – aber so vital geboten, dass der Premierenbeifall kaum enden wollte.“
Badische Neueste Nachrichten, 24.01.2011
Szene um Szene schlägt sich Gerber verbal den Kopf ein
“Was passiert, wenn der Regisseur Donald Berkenhoff innerhalb von zwei Wochen 50 Kilometer voneinander entfernt zwei Männer auf die Bühne stellt, einmal Stefan Viering im dicken Turm in Heidelberg und einmal Thomas Gerber in der Stadtmitte-Disko in Karlsruhe? Erst einmal Narration. (…) Thomas Gerber erzählt in der deutschen Erstaufführung von ‚Mit dem Kopf schlage ich Nägel in den Boden’ viele kleine Geschichten, inspiriert durch die Stand-Up-Comedys des amerikanischen Dramatikers Eric Bogosian, für seine zynischen Ein-Personen-Stücke bekannt. (…) Thomas Gerber, der mit dieser Premiere seinen Abschied vom Karlsruher Theater nimmt, um nach Essen zu gehen, darf sich in der Karlsruher Disko noch mal richtig austoben. Aus seinen vielen kleinen Rollen entsteht ein Abgesang auf die Konsumgesellschaft, Pseudotoleranz und Arbeitsmoral. Gespickt mit selbstreferenziellen Kommentaren und Zuschauer-Anfassen, damit der sich auch unwohl fühlt. (…) Szene um Szene schlägt sich Gerber mit atemloser Gag-Geschwindigkeit verbal den Kopf ein. Dieses vom Regisseur intendierte An-die-Grenzen-Gehen strengt an. Auch Gerber, der am Ende bei gefühlten 40 Grad Raumtemperatur schweißdurchnässt ist. (…)”
Badische Neueste Nachrichten, 16.07.2010
Ein Panoptikum der Überforderten, Überdrehten und Überhitzten
“(…) Gerber jagt in gut 90 Minuten durch ein Panoptikum der Überforderten, Überdrehten und Überhitzten, die am Schluss um fürchterliche Folter winseln, um im Schmerz wenigstens einmal etwas ‚Authentisches’ zu spüren, ‚damit vielleicht, und sei es nur für ein paar Sekunden, der Krach in meinem Kopf aufhört.’ Der virtuose Schauspieler Gerber vermittelt den Überdruck, unter dem die Figuren stehen – und die Hitze in der ‚Stadtmitte’, die bei der Premiere zum Brutkasten wird, überträgt ihn direkt aufs Publikum. Das wird gleich zu Beginn in Geiselhaft genommen: Man sitzt und schwitzt und der Kerl auf der Bühne donnert einem entgegen, man säße jetzt gemeinsam im Zug, der übrigens sein Zug sei, er sei der Zugführer, und nein, Aussteigen sei leider nicht möglich. (…) Anfangs gibt Gerber einen Conférencier, der zwischen Plauderei und Pöbelei hin und her zappt, später schlüpft er in klar abgetrennte Rollen. Beispielsweise in die des abgedrehten Dealers, der wortreich darlegt, warum er seinen einst besten Freund Uwe wohl aus Liebe wird umbringen müssen. Oder die des bornierten Reichen, der sich auf seinem stachedrahtumzäunten Grundstück am teuren Grillgut erfreut – hier zeigt Gerber durch eine allmähliche Steigerung nervöser Tics, wie paranoid diese Figur sich vor dem Überfall der Besitzlosen auf sein Paradies fürchtet. (…)”
Haller Tagblatt, 20.07.2010
Ein Fest des beißenden Sarkasmus
“(...) Tom Gerber bringt dem Publikum das Seelenleben dieser Verlierertypen und Parvenüs nahe, zuweilen körpernah. In seinem fast eineinhalbstündigen, kräftezehrenden Auftritt jagt er durch ein Kabinett schonungsloser Charakterstudien – ein Fest des beißenden Sarkasmus. (...)
Von Thomas Huber übersetzt und in deutsche Realitäten eingepasst, legt sich Gerber den Text in der Regie von Donald Berkenhoff zurecht. Daraus entwickelt er einen packenden Wut-Exzess, der zwischendurch wieder im charmanten Plauderton plätschert. Virtuos zappt Tom Gerber – lediglich mit Mikrofon und Stuhl ausgestattet – durch die unterschiedlichen und vor allem extremen Stimmungslagen seiner Figuren. Zunächst lullt er die Zuschauer mit seinem Bild von Deutschland im Jahr 1966 voller Ehrlichkeit, Mut, Treue und Fleiß ein bisschen ein. Um ihnen dann von seinem Albtraum zu erzählen, an der Hand Angela Merkels abzustürzen in die korrupte und düstere Realität des Landes im Jahr 2010. Zwischendurch mutiert Conférencier Gerber zu einem dämonischen Kerl, der dröhnt, er sei der Zugführer dieses höllischen Zuges, aus dem es kein Entrinnen gebe, und dessen Boshaftigkeit epidemisch ausbreite. Sex, Drogen, Gewalt – nichts lässt der Schauspieler aus. Szene um Szene arbeitet er sich durch das Personal, gibt sogar Einblick in die Seele eines Hundes. (...) Plaudern – pöbeln – predigen: In diesem Abgesang auf Konsumgesellschaft und Alibi-Toleranz kann sich Tom Gerber so richtig austoben. So sehr, dass man bei mancher seiner Schimpftiraden, bei der sein Kopf in Sekundenschnelle knallrot anläuft, schier um seine Gesundheit fürchten zu müssen meint. Ein furioser, anstrengender Abend, der an Grenzen geht – und mit viel Applaus belohnt wird.”
Die Rheinpfalz, 22.07.2010